Hinweis

Ihre Browserversion wird leider nicht mehr unterstüzt. Dies kann dazu führen, dass Webseiten nicht mehr fehlerfrei dargestellt werden und stellt ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar. Wir empfehlen Ihnen, Ihren Browser zu aktualisieren oder einen der folgenden Browser zu verwenden:

flüchtig - Jugend braucht Perspektive

Im Rahmen der Aktion Josefstag besuchte Domkapitular Clemens Bieber das Würzburger Don Bosco Bildungszentrum, um mehr über das Leben der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (umF) zu erfahren, die seit Dezember 2011 am Schottenanger Zuflucht und Heimat gefunden haben.

Abdallah blinzelt in den sonnendurchfluteten blauen Himmel. Was für ein Tag. Pünktlich zum Frühlingsanfang erreichen die Temperaturen neue Rekorde, und die Obstbäume am Würzburger Schottenanger blühen als gäbe es kein Morgen. Die graue Mütze auf seinem Kopf ist cool und hat mit dem Wetter nichts zu tun. Wenn man 19 Jahre jung ist, muss das wohl so sein.

 Besuch für Abdallah

 Lange muss Abdallah nicht auf seine Gäste warten. Das Fernsehteam des Bistums rückt an und bringt einen Schüler-Praktikanten mit und Leute vom Caritasverband, darunter sogar dessen Vorsitzender, Domkapitular Clemens Bieber. Gut, dass sich zu all den Fremden auch bekannte Gesichter gesellen. Andreas Halbig, Direktor der Caritas-Don Bosco gGmbH, Thomas Maier, Heimleiter und Susanne Geiger, Frau für die Öffentlichkeitsarbeit der Einrichtung. Am wichtigsten ist jedoch Alojz Sraka. „Der Mann ist längst im Ruhestand“, verrät Halbig, „hat aber noch einmal ein Jahr drangehängt, weil er für die Jugendlichen ein wenig zum Vaterersatz geworden ist.“

 Biografie mit Brüchen

 Abdallah ist nicht einfach nur 19 und cool, sondern als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen. Beim gemeinsamen Mittagessen im großen Speisesaal lässt er sich zu seiner Geschichte befragen. Ganz leicht fällt ihm das nicht, denn mit dem Vertrauen in andere Menschen ist das so eine Sache. Aber Alojz Sraka hat gleich neben im Platz genommen. Das gibt Sicherheit.

„Wissen sie, was al-Shabaab ist?“, fragt er leise und ein wenig schüchtern in gut verständlichem Deutsch. „Die wollten mich und meinen Bruder zwingen, bei ihnen mitzumachen. Mein Vater hat es verboten. Dann haben sie ihn geschlagen und getreten und gesagt, dass sie wiederkommen werden. Da war klar, dass wir schnell aus Mogadischu wegmüssen.“ Die Reise gleicht dann eine Odyssee. Irgendwo im Grenzgebiet zu Kenia verliert man sich aus den Augen. Vater, Mutter und Schwester leben inzwischen in Dadaab, einem Flüchtlingslager der UNO im Osten Kenias. Der Bruder hat sich nach Südafrika durchgeschlagen. Abdallah wird von Schleusern nach Äthiopien gebracht, muss sich Tage lang versteckt halten, und dann in Adis Abeba in ein Flugzeug gesetzt. „Mit falschen Papieren stand ich schließlich in Frankfurt auf dem Flughafen. Die Schleuser hatten mir gesagt, dass ich sofort mit dem Zug nach München fahren soll. Als ich dort war, bin ich zur Polizei gegangen.“ Damals war der Somalier gerade 16 und fand sich in einer völlig fremden Welt vor. „Wenn du dich nicht auskennst und kein Wort der Sprache verstehst, kommst du dir sehr einsam, traurig und verlassen vor.“

 Auf nach Würzburg

 Nächste Station war die Bayernkaserne, jene Erstaufnahmeeinrichtung, die niemandem gut tut, jungen Menschen schon gar nicht. „Wir sind froh“, sagt Halbig, „dass man das bei der Staatsregierung auch so gesehen hat und nach Möglichkeiten Ausschau hielt, um die minderjährigen Flüchtlinge besser unterzubringen.“ Als es soweit war und Lösungen sich abzeichneten, war die Gruppe der Jugendlichen zusammengewachsen und in München verwurzelt. „Die können sie nicht von Würzburg überzeugen, meinte im Herbst 2011 ein Beamter.“ Irgendwie ging es aber doch. „Unsere Betreuer haben damals mit einfachen Mitteln einen kleinen Film über unsere Einrichtung gedreht und nach München mitgenommen“, erinnert sich Susanne Geiger. „Wir wollten zehn junge Männer zu uns holen“, schiebt Heimleiter Thomas Maier nach, „aber dann sind doch nur vier in den Bus gen Norden eingestiegen.“ Einer von Ihnen war Abdallah. Dann sei es aber recht zügig gegangen, wirft Halbig ein: „Abdallah hat mit seinen Kollegen in München telefoniert und ihnen gesagt, dass es im BBW in Ordnung ist.“

 Der Sozialminister des Bischofs

 Der Domkapitular von der Caritas hört aufmerksam zu. „Was ist das eigentlich, ein Domkapitular bei der Caritas, will Abdallah wissen.“ „Ich bin sozusagen der Sozialminister des Bischofs“, bringt es Bieber auf den Punkt. Langsam taut Abdallah auf. Das ist gut so, denn ohne Pause geht es in die Elektrowerkstatt. Abdallah übernimmt die Regie und erklärt seinem Gast Schaltungen und Montagepläne. Schließlich muss Bieber selbst Hand anlegen und die Schaltung rückbauen. Der legt sein Jackett ab, krempelt die Ärmel hoch und legt los. „Wie stellt sich der Mann von der Caritas an“, will das Fernsehteam wissen. Klar, dass der Meister seinen neuen Schüler erst einmal lobt. Aus den 39 Berufsfeldern, die das Würzburger Don Bosco Berufsbildungswerk anbietet, hat sich Abdallah den des Fachwerkers Elektro ausgesucht. Nach drei Jahren hat er sehr gute Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. „Mehr als 83 Prozent unserer Absolventen finden im Verlauf eines halben Jahres nach ihrem Abschluss eine Anstellung in der freien Wirtschaft“, berichtet Halbig und ist berechtigt stolz auf diese Quote. Abdallah und Domkapitular Bieber haben das Werk vollbracht und haben vor dem Computer Platz genommen. Die moderne Technik ist längst eingezogen; Schaltpläne werden am PC entworfen und überprüft. So ganz ist das nicht Abdallahs Ding, aber er steht auch erst am Anfang seiner Ausbildung.

 Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg

 Domkapitular Bieber hat sich an diesem sonnigen Tag viel Zeit in seinem ansonsten übervollen Terminkalender reserviert, um etwas vom Leben der Flüchtlinge zu erfahren. „Wenn ich mal wieder in einer Konferenz sitze“, erklärt er dem jungen Mann aus Somalia, „werde ich mich an diesen Tag erinnern und wissen, für wen ich mich besonders einsetzen muss.“

Von der Elektrowerkstatt geht es weiter in die betreute Wohngruppe. Die Räume, die Betreuer und die anderen Flüchtlinge aus Somalia, Afghanistan und Syrien sind längst zu einem vertrauen Zuhause geworden. „Wenn die Jugendlichen aus der Schule oder von der Ausbildung kommen, ist jemand von uns Betreuern für sie da“, erzählt Sozialpädagoge Sraka. Heute geht es in der Hausaufgabenrunde im Fach Deutsch um Tiere. Wie heißen sie, und welcher bestimmte Artikel gehört dazu. Warum heißt es „die Biene“, „das Schwein“ und „der Affe“, „der Elefant“ und „die Giraffe“? „Die jungen Leute sind hoch motiviert. Die wollen etwas lernen, etwas aus sich und ihrem Leben machen“, stellt Bieber fest. Bei Kaffee und Kuchen findet ein reger Austausch über Essgewohnheiten und Kochkünste in aller Welt statt. Der Kuchen, er kommt aus der hauseigenen Bäckerei in Gadheim, ist Weltklasse. Reines Zuckerschlecken ist das Leben für die Flüchtlinge jedoch nicht. „Gerade abends, wenn es ruhig und draußen dunkel wird, steigen bei vielen die Erinnerungen an daheim und an die Flucht auf. Wer so etwas durchlebt hat, steckt das nicht einfach weg“, erzählt Maier am Rande. „Deshalb ist auch in der Nacht immer ein Betreuer da.“

 Billard ist Leidenschaft

 Zum Abschluss des Besuchs laden die Jugendlichen in den Clubraum ein. Sie wollen dem Domkapitular unbedingt ihre Billardkünste zeigen und ihn zu einem kleinen Tournier herausfordern, und ihre Musik wollen sie unbedingt vorspielen. Nun ist Abdallah endgültig in seinem Element. Die Kugeln rasen über den grünen Stoff und verschwinden Stoß um Stoß in der Tiefe des Tisches; keine Chance für den Sozialminister des Bischofs. Aber dem ging es an diesem Tag eh nicht um die eigenen, sondern ausdrücklich um die Chancen der Jugendlichen.

 Vorbildliche Willkommenskultur

 „Ich bin froh“, fasst er den Tag zum Abschied zusammen, „dass es diese gute Willkommenskultur hier im Don Bosco Berufsbildungswerk der Caritas-Don Bosco gGmbH gibt“ und gibt den jungen Männern das Versprechen, sich auch weiterhin für ihre Belange in Kirche und Gesellschaft einzusetzen.

 Für Abdallah wird es ein besonderer Tag bleiben, weil er einmal mehr erfahren durfte, dass es Menschen und Institutionen gibt, denen sein Schicksal nicht gleichgültig ist. Aber dann greift er wieder zum Queue und lässt die bunten Kugeln gegen die Banden donnern.

 Hier finden Sie einen kleinen Film mit Abdallah und Domkapitular Clemens Bieber zum Josefstag.

 

 


Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung